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Jahreswechsel, Fatalität und Schicksal

on02. Januar 2020

- «Edi, Du kannst nicht nichts in deinen Blog schreiben.»

- «Verballhornst Du Watzlawick, Madisch? Ich kann die Zeitreihe sehr wohl auslaufen lassen.»

- «Jaja – nichts Sagen oder nichts Schreiben ist auch Kommunikation. Aber das wirkt wie eine Pleite, eine Faulheit...wenn das Ende nicht deklariert ist...»

- «…es könnte auf ein mögliche Fortsetzung verweisen...»

- «Kopier doch einfach von meiner Site…»

- «Hm, aber dann ergänzen wir das ein wenig…»  

- «Um Luhmann nehme ich an - wie ich dich kenn.»

30.12.2019 (Kopie)

- “Ja, Madisch. Heut ist erstmals in diesem Winter die Oberfläche des Teichs vereist. Vorgestern habe ich noch einzelne reife Himbeeren gepflückt. Da irrte sich wohl ein Strauch in der Jahreszeit.»

- «Weihnachten ist gut für Euch Menschen. Ein neues Leben aus der Krippe …- Washington scheint stillzustehen. Das weist vor dem Wahljahr auf Krieg.»

- « Ein christliches Fest. Eine Heilsbotschaft. Die Familie wird gefeiert ...und die Familien feiern. Tröstlich, dass dieser Jesus ja ein Kuckskind ist… Sogar von Greta gibt es zum Jahresende eine Art positive Homestory

- «Edi, du scheinst etwas negativ, müde.»

- «Ja, Madisch. Aber schlafen nützt nichts...»

- «Edi, es ist nie die Welt, die gut oder schlecht ist. Sie ist einfach.»

- «Das weiss ich schon. Aber Australien brennt ab, der Amazonas brennt wohl weiter...»

- «Schon, Edi. Aber es gibt Fatalismus und Fatalismus

- «?? Madisch-Philosoph? … Du kannst gut fressen…»

- « Du kannst gut lesen…»

(Jetzt ist sie etwas beleidigt und Edi etwas zerknirscht. Dann versucht sie es noch mal.)

- «Lies mal dieses Gespräch, das ich Dir da angelinkt habe! Da solltest du intellektuell gerade mal knapp durchkommen. Und wenn du durchhältst, kommst du sogar zu deinem Luhmann. Da meint nämlich der Sloterdijk: ‘Soviel bleibt heute vom guten alten Schicksal übrig: die Luhmannsche Doppelkontingenz. Ein System, in dem auch alles anders sein könnte, bezieht sich auf eine Umwelt, in der auch alles anders sein könnte.’»

- «Merci Madisch, Luhmann wird da zwar etwas gar allgemein…»

- «...Vergiss aber den Körper nicht in und mit all dem Denken…»

 

31.12.2019 (Kopie)

- «Dieses ‘Gespräch’ mit Sloterdijk zum Schicksalsbegriff ist ein wahrer Steinbruch. Merci für den Hinweis, Madisch!»

- «Wir wissen – auf sowas fährst du ab….»

(Madisch scheint zu grinsen)

- «Es bleibt Geplauder…vor allem im zweiten Teil  - Aber wir Zwei machen ja auch nichts besseres.»

- «Ihr Menschen bleibt immer beim sogenannt ‘Humanen’ stehen – ..bei Euch selbst stehen...oder werdet technokratisch...»

- «Wir bleiben allenfalls beim Subjekt stehen – würd ich sagen... Obwohl Sloterdijk auf Luhmann anspielt..»

- «Bitte hier keine Luhmann-Exegesen.»

- «Also… «

(Es scheint schon zu spät zu sein. Aber:)

- «gut… Sloterdijk ist mit seinem Fazit nicht so ganz zufrieden: ‘Doch letztlich ist auch das Schema von Abschaffung, Wiederkehr und Abklärung des Schicksalsgedankens nicht befriedigend. Mir scheint, das Wichtigste fehlt in dieser glatten Erzählung…»

- «…und beschwört trotzig das sogenannt freie Individuum  – das ist einfach nur humanoid... »

(Madisch flieht plötzlich unter das Bettsofa. Draussen knallt es. Jahresend feiern.)

- «Schauen wir, warum Sloterdijk den Rilke als Beispiel für die dritte Phase des Verständnisses von Schicksal, der sogenannten Abklärung, ins Feld führt. - Nur ein Häppchen

…das freie Tier
hat seinen Untergang stets hinter sich
und vor sich Gott, und wenn es geht, so gehts
in Ewigkeit, so wie die Brunnen gehen.

(Von Madisch ist nichts zu sehen. Sie hat sich verkrochen. Draussen knallt es. Die Kirchenglocken läuten.)

- Madisch. Ein neues Jahrzehnt beginnt.»

2.1.2020 (der Nachtrag)

-«Also wenn ich versuche, diese Gespräche mit Sloterdijk zusammenzufassen, dann wird in der Geistesgeschichte Schicksal lange als etwas dunkles, unausweichliches verstanden, dann nehme der Glaube an die Gestaltbarkeit der Lebensumstände überhand Aber letzteres scheint nicht zu tragen, …»

-  «…immer wieder holt ein Wissen um Endlichkeit – oder eine Ewigkeit nach dem Tod - euch Menschen wieder ein…»

- «Hören wir noch etwas mehr Rilke...?» (Beginn der 9. Duineser-Elegie)

WARUM, wenn es angeht, also die Frist des Daseins
hinzubringen, als Lorbeer, ein wenig dunkler als alles
andere Grün, mit kleinen Wellen an jedem
Blattrand (wie eines Windes Lächeln) –: warum dann
Menschliches müssen – und, Schicksal vermeidend,
sich sehnen nach Schicksal?. . .

Oh, nicht, weil Glück ist,
dieser voreilige Vorteil eines nahen Verlusts.
Nicht aus Neugier, oder zur Übung des Herzens,
das auch im Lorbeer wäre . . . . .


Aber weil Hiersein viel ist, und weil uns scheinbar
alles das Hiesige braucht, dieses Schwindende, das
seltsam uns angeht. Uns, die Schwindendsten. Ein Mal
jedes, nur ein Mal. Ein Mal und nichtmehr. Und wir auch
ein Mal. Nie wieder. Aber dieses
ein Mal gewesen zu sein, wenn auch nur ein Mal:
irdisch gewesen zu sein, scheint nicht widerrufbar.


Und so drängen wir uns und wollen es leisten,
wollens enthalten in unsern einfachen Händen,
im überfüllteren Blick und im sprachlosen Herzen.
Wollen es werden. 

 

- «… und irgendwann sagt ihr, wenn ihr älter werdet und die Zuversicht schwindet: Einmal noch..»

- «…so ist es Madisch. Es drängt uns zu leben. Aber das Leben ist oft ein mittelbares:»

Wer hat uns also umgedreht, daß wir,
was wir auch tun, in jener Haltung sind
von einem, welcher fortgeht? Wie er auf
dem letzten Hügel, der ihm ganz sein Tal
noch einmal zeigt, sich wendet, anhält, weilt –,
so leben wir und nehmen immer Abschied.

«… so endet die 7. Elegie… - Schicksal beschreibt Rilke als ein  ‘Gegenüber sein’. Was ist, ist sogleich immer gewesenes – und das hebt uns aus dem Moment…»

- «…ihr könnt den Lauf der Zeit nicht stoppen. Leben vergeht.»

- «Da könnte ich Sloterdijk anhängen: ‘Während die menschliche Geschichte das Reich der zweiten Chancen darstellt, ist die Sphäre der physikalischen Prozesse durch Unwiederholbarkeit und Unumkehrbarkeit bestimmt.’»

-  «Damit hast du wohl deinen Luhmann vorbereitet ...(Luhmann 2004, S. 285f):»

Bei aller Bewährung: die biologischen Evolutionstheorie ist noch keine allgemeine Evolutionstheorie. Sie hat sich im Schutze von Disziplinengrenzen und, wenn man so sagen darf, unter günstigen Umweltbedingungen entwickeln können.

- «… das liegt - derzeit - auf der Hand: Diese Systeme - Zellen, Organismen, Populationen - lassen einfach unterscheidbare Systemreferenzen zu, an denen ihre Entwicklung und Veränderung ablesbar sind. Dito mit Molekülen, etc…Schwieriger werde eine Erweiterung der Evolutionstheorie in den soziokulturellen Bereich hinein…»

…Sie stösst vor allem auf die Schwierigkeit, dass es im Bereich von Sinn nichts gibt (und aus strukturelle Gründen nichts geben kann), was die Geschlossenheit des genetischen Informationspools und der Trennung der Systemreferenzen von Zellen, Organismen und Populationen entsprechen würde. (ebd)

- «Warum die Kulturtheorie an die Evolution hängen? Jetzt müsstest du ausführen, was Luhmann unter Sinn versteht…»

- «…oder lapidar bei diesem Sloterdijk-Gespräch bleiben:

‘Soviel bleibt heute vom guten alten Schicksal übrig: die Luhmannsche Doppelkontingenz. Ein System, in dem auch alles anders sein könnte, bezieht sich auf eine Umwelt, in der auch alles anders sein könnte’….»

- «Sloterdijk erläutert damit sein Nietzsche-Zitat, macht es in der Gegenwart anschlussfähig...:

‚bei allem ist eins unmöglich –Vernünftigkeit!’ Ein wenig Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern – dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist Weisheit allen Dingen eingemischt! Ein wenig Weisheit ist schon möglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an allen Dingen: daß sie lieber noch auf den Füßen des Zufalls – tanzen.»

- «Es ist seltsam, dass Sloterdijk dann ganz am Ende dieser Gespräche wieder auf eine alte Dichotomie von Schicksal und Freiheit zurückfällt. Das Verständnis von Emergenz scheint trotz solcher Ansätze noch immer wenig ausgeprägt.

Wie kann ich – um wieder auf eine personale Ebene zu gehen - mich als eine Identität verstehen, das ein emergentes System ist? Zumindest würde so deutlich, dass ich ein Kind meiner Zeit, in der ich lebe, bin – und diese Gesellschaft zwangsläufig mitgestalte. Selbst wenn mein Ich dabei einsam und allein …verginge.»

(Madisch schweigt, scheint absent.)

- «Jetzt bist du wieder bei Eurer Weihnachtsgeschichte.»

- «Erstaulicherweise nimmt Sloterdijk in diesen Gesprächen ja mehrfach auch das Publikum in den Fokus. Es konstituiert die Situation, die Erzählung mit. Und dennoch resiginiert er ab der scheinbaren Herdenmentalität vieler Menschen. Dazu wäre eine Medientheorie weiter zu entwickeln... Luhmann verweist gerade in dem hier aufgenommen Artikel ja darauf, die Differenz von Planung und Evolution nicht zu vergessen...»

-«Edi, es reicht jetzt. Du hast dich vorerst genug an Euren Weihnachts- und Neujahrsritualen gerieben. Es kommt sowieso niemand mehr draus, was wir da schwaffeln, wenn es jemand lesen würde…»

- «OK. Aber danke  das ist viel Futter ins neue Jahrzehnt…»

 

*Luhmann, Niklas (2004). Sinn, Selbstreferenz und soziokulturelle Evolution. In: Burkart, Günter & Runkel, Gunter (Hrsg). Luhmann und die Kulturtheorie. FaM: Suhrkamp. , S. 241- 289.

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