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Abtrünnige und Barbaren

on29. Oktober 2017

Ich habe es getan. Der verbliebene Rest meines NZZ-Abos, die Samstagsausgabe, ist gekündigt.

Jenes Kündigungsschreiben schmerzte. Ein kleines Stück Identität geht verloren. Die NZZ hat mich drei Jahrzehnte begleitet. Ich bin nicht der Erste und werde nicht der Letzte sein, der geht. Einer von vielen. Ein paar Sätze. Nichts wichtiges. Die Welt verändert sich.

Es buhlen im Netz zu viele, zu vielfältige und - allen Unkenrufen zum Trotz - doch oft auch hochwertige Informationen um meine Aufmerksamkeit, als dass die Marke NZZ bei mir noch eine Bevorzugung sich hätte wahren können. Auch das Ritual eines gemütlich langen Regensonntagmorgens, wo das Feuilleton der Samstags-NZZ nachgelesen wird, hat sich in den letzten Jahren schleichend aufgelöst.

Heute ist der erste, gemütliche Stubensonntag im Jahr, wo es draussen unangenehm feucht-kühl ist und die NZZ war gestern noch einmal im Briefkasten. Nun liegt sie da. Titel des Leitartikels: «Der Ehekrach in Spanien eskaliert». Der Titel belustigt: Ist auf der NZZ-Redaktion beim Titeln allzu menschliches, das Private vor das Öffentliche geraten? Oder hat die NZZ gar einen Primeur zum spanischen Königshaus? Der Untertitel:  «Die Regierungen in Madrid und Barcelona haben den Konflikt um die Unabhängigkeit in die Sackgasse geführt. Doch wie in einer zerrütteten Ehe müssen beide Seiten Zugeständnisse machen, um das Verhältnis zu kitten.»

Sie meinen es offenbar ernst mit dem Bild der Ehe für die Beziehung von Spanien und Katalonien oder deren Regierungen. Sprachbilder sind Glückssache. Aber sie könnten auch Können sein.

Ich blättere weiter zum Feuilleton. Dessen Aufschlagseite titelt:  «Die Barbaren, sie lauern überall».

Das Bild zum Artikel zeigt zwei Köpfe mit Cowboyhüten im Schattenriss. Jener Kopf im Vordergrund ist scharf im Bild, seitlich von hinten fotografiert. Der Mann trägt eine Brille. Der andere Kopf mit Cowboy-Hut erscheint nur als unscharfe Silhouette aus dem Hintergrund. Vielleicht sitzt ein Cowboy einem Andern gegenüber, vielleicht blickt aber auch der Vordere einfach in in einen Spiegel und wir sehen mit ihm sein Spiegelbild. Die Bildunterschrift bleibt rätselhaft: "Muss man sich 'angry white men' so vorstellen - oder ist es doch nur deren Schatten?"

Der Untertitel zu diesem Artikel lautet: «Auch der Antirassismus taugt zum Rassismus. Wie Progressive das Erbe der Aufklärung verspielen.» Geschrieben hat ihn der Chef des Ressorts, René Scheu. Tief einatmen. Lesen starten:

«Progressive nennen sich jene, die den menschlichen Fortschritt als moralische Aufgabe betrachten. Sie greifen ein, um die Gesellschaft in jene Richtung zu zwingen, die aus ihrer Sicht die einzig richtige sein kann.»

Es atmet schwer aus. Soll ich mich tatsächlich zum Weiterlesen solchen Unsinns zwingen?

Ich versteh mich als ‘etwas’ progressiv.  Etwas zum Fortschritt der Menschheit beizutragen, würde ich als ehrenwerte Aufgabe sehen.  Ich würde allerdings zunächst präzisierend anfügen, dass ich den Fortschritt als solchen bei Gelegenheit auch in Frage stelle. Ihn als diskutierbar betrachte.

Das heisst, ich hinterfrage auch mal die Möglichkeit des Fortschrittes an sich. Ich hinterfrage aber definitiv EIN BILD des Fortschritts, oder die Form, welche dem Fortschritt gegeben wird. Ich stehe somit dem Fortschritt auch kritisch gegenüber. Ich würde mich als ebenso kritisch gegenüber einer «Fortschrittsideologie» wie auch deren «Entlarvung» einschätzen und gerade das macht mich doch erst recht 'progressiv'.

Die Scheusche Zuschreibung «Gesellschaft in eine Richtung zu zwingen» bleibt da unverständlich. Oder...

habe ich etwa den Begriff 'progressiv' bisher falsch verstanden?

Der Duden nennt als erste Bedeutung «fortschrittlich» und als zweite «sich in einem bestimmten Verhältnis allmählich steigernd, entwickelnd».

Ja, ich möchte mich entwickeln. Ja, ich möchte «fortschrittlich» sein. Und bin es hoffentlich auch, ein wenig zumindest.

Fortschritt ist per se Veränderung des Bestehenden und steht so dem ehemals Bestehenden kritisch gegenüber… - ohne dass diese Kritik eine summarische Ablehnung der bestehenden Verhältnisse (gewesen) wäre… das müsste doch eigentlich auch für konservativ oder reaktionär sich Definierende verständlich und einsichtig sein...wollten sie denn eine Auseinandersetzung.

Vor allem: Die Welt verändert sich. Sie tut das ganz von selbst.

Die Welt schreitet quasi von selbst fort. Die bestehenden Verhältnisse ändern sich so oder so. Und wir Menschen können – da setzte bereits meine Kritik an jeglicher Fortschrittsideologie an – die Entwicklung unserer Welt immer nur sehr bedingt beeinflussen… als einzelne, wie auch als Kollektive, und  jede Veränderung zieht zwangsläufig weitere Veränderungen nach sich.

Wenn die NZZ, ihr Feuilleton-Chef den Fortschritt blindlings bekämpfen will, überall Barbaren lauern sieht, dann kann sie/er das tun… Die Gegenwart – liebe alte Tante an der Falkenstrasse – ist aber wo anders.

Ich kündige die NZZ nicht wegen ideologischer Differenzen, nein, ich kündige, weil sie mich ganz einfach so nicht mehr erreicht.

Vielleicht ein letztes Wort dazu: Wir werden älter...

Sogar unsere Gesellschaft altert. Das ist nicht nur, aber auch - traurig. Es ist nicht nur, aber auch - eine Form der Veränderung. Für den Umgang mit dieser Erfahrung des Alterns haben wir derzeit offenbar kaum gute Rezepte.  Vielleicht gab es solche einmal, vielleicht müssen wir sie aber erst auch finden. Vielleicht ist auch die Neue Zürcher Zeitung einmal nicht mehr neu.

P.S. Ob ich den besagten NZZ-Artikel zu Ende gelesen habe? Klar doch. Ein Satz aus dem Schlusskapitel:  "Vernunft meint auch und gerade das Vermögen, von sich zu abstrahieren, seine eigene Identität zu transzendieren."  Es besteht vielleicht doch noch eine Spur Hoffnung für die NZZ, für mich und unser Verhältnis. 

(Mit auf dem Foto zur NZZ-Seite: das erwähnte epa-Bild von Mark Schiefelbein)

 

 

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