Freigegeben in Blog

Nochmals 1:12

on10. November 2013

Eine kleine Umschau zur Mediendebatte um 1:12 (ib. deren statistische Seite) - dies in mehr dokumentarischer, denn analytischer Absicht.

Die Mediendebatte ist vielfältig und zunehmend unüberblickbar. Die Kampagne selbst wird zum Selbstläufer, wo die Argumente zur Anekdote werden und die Debatte - meiner Meinung nach - leer läuft. 

Allerdings zeigt sich auch, dass die aktive Kampagne der Befürworter auch Früchte trägt - und der verdiente Hunger zur Anstrengung kommt.

 

TA-Media: 1:12-Gegner haben die Nase vorn

Heute Sonntag werden im Tagi-Online -Artikel mit dem Titel "1:12-Gegner haben die Nase vorn"  zunächst zwei Themen "gemixt": 

  • Ein Umfrageergebnis (mit Verweis auf SonntagsBlick (Pressehaus Riniger)), welche für die Abstimmung zur 1:12-Initiative zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein NEIN von 55% prognostiziert, gibt dem Artikel den Titel.
  • Zum zweiten wird aus der 'Schweiz am Sonntag' (aus dem Haus der AZ-Medien) ein europaweiter Vergleich von Spitzensalären in Banken zitiert - inklusive aufwändiger Grafik. 4 Schweizer Bänker tauchen unter den ersten 5 Positionen auf. (Beide Artikel sind aktuell nicht online).

Der Lead des Tagi-Artikels mutmasst: "Ein europaweiter Vergleich über die Löhne von Bankchefs könnte den neuen Trend stoppen." Gemeint ist der Trend des Umfrage-NEINs zur Abstimmung. Jedoch: Seit Wochen ist klar, dass es die Initiative kaum eine Mehrheit wird. Ein verzweifelter Versuch des Artikels (weitere) Spannung zu erzeugen? Ein Mobilisierungsversuch (für InitiativgegnerInnen)? Auf jeden Fall geht's um Medienselbstreferenz.

Der Artikel endet schliesslich mit einem ganz anderen Thema: "Hilfswerke warnen vor Spendenrückgang".  Sogar die Philanthropen scheinen also ein Problem mit 1:12 zu haben.

Letzteres illustriert ein hübsches Kampagnen-"Phänomen":  In den letzten Tagen wurde die Bandbreite der "Direktbetroffenen" von der Initiative laufend und systematisch ergänzt: (Spitzen-)SportlerInnen, Chefärzte - und nun eben gar Hilfswerke, werden schrittweise eingeführt.  Radio SRF, die grossen Tageszeitungen, alle ziehen sie an der Kampagne - nur welcher?

TA-Media: Schweizer Löhne sind gut verteilt

Der zweite (Online-)Tagiartikel an den hier kurz erinnert sei, nimmt das in diesem Blog auch angeführte "Gini-Thema" auf. Unter dem Titel : "Schweizer Löhne sind gut verteilt", beginnt der Artikel: "Der Name des italienischen Faschisten Corrado Gini hat Konjunktur. Der bekannte Jurist, Mathematiker und Ökonom (1884-1964) schrieb unter anderem die 'Wissenschaftliche Basis für den Faschismus', an dem Italien später scheiterte... "
Der restliche Artikel führt die Fragestellung der unterschiedlichen Gini-Werte für 'Lohn' und 'Einkommen' (im internationalen Vergleich) dann anschaulich aus (vgl. diesen Blog). Wie mir auch, gelingt es diesem Artikel aber nicht - die eigentlich bedeutsame Schlussfolgerung daraus auszuführen. Nämlich der Frage nachzugehen, wie es kommt, dass in der Schweiz offenbar weniger "umverteilt" wird als in vielen anderen Staaten. Zu aufwändig...

Der TA-Online-Artikel wird jedoch mit einem Artikel zu Slowenien begleitet - welches ja bei den "verfügbaren Haushaltseinkommen" mit dem Gini-Koeffizienten an der Spitze steht - und als Staat bei uns wohl kaum als "vorbildlich" gesehen wird. Der Beitrag stellt dabei auch die Frage: "Machen geringe Einkommensunterschiede die Slowenen zu glücklicheren Menschen?" - Die Antwort dazu ist relativierend bis unklar aber nicht nein.

Kommentar zu den Artikeln

Interessant ist, dass die Debatte insbesondere in den TA-Medien zwar durchaus die Breite der Argumente zur Initiative aufnehmen. Diese teils recht aufwändig differenzieren und um interessante Aspekte ergänzen. Tendenziell - in meiner Wahrnehmung - ergibt sich aber ein seltsamer "Lag" in Richtung Ablehnung der Initiative, welche kaum auf den Argumenten begründet ist:

  • Der Beitrag zum "Gini-Koeffizienten" unterstellt diesem eine faschistischen "Tradition", obwohl dieser Ursprung keinerlei Bezug zum aktuellen Gegenstand hat. Das Thema Slowenien (als aktuell "Einkommen-Gleichverteiltestes" Land) hätte mehr Raum einnehmen müssen, da es ein Beispiel wäre mit Stärken und Schwächen der Umverteilung und deren Geschichte. Vorallem wenn dann als Vergleichsgrösse noch die USA (nahe am anderen Ende der Skala) erläutert worden wäre.
  • Die relative 'starke' Kampagne der Initativbefürworter wird auf ihre Schwächen abgeklopft, während die Leer-Phrasen der GegnerInnen ("sozialistische Initiative", "Staatsdiktat", "Gefährdung des Erfolgsmodells Schweiz" etc.) kaum hinterfragt werden.

Lustig ist die Handelszeitung...

Die Handelszeitung (Springer Schweiz-Verlag) präsentiert ein "Manifest für eine zukunftsfähige Schweiz".  Dieses Manifest besteht vor allem aus einer Handvoll Gründe für die Ablehnung der 1:12-Initiative und 45 Unterschriften von Führungskräften der Schweizer Wirtschaft.

Wie tief kann journalistische Qualität fallen? Glücklicherweise überlässt die Zeitung im Inneren dann in einem Interview das Wort Peter Spuhler, dem Inhaber und CEO von Stadler Rail und Ex-SVP-Politiker, der dem NEIN zur Initiative durchaus eine gewisse Substanz zu geben vermag.

Im Weiteren werden dann in dieser Ausgabe noch "Behauptungen" der Initiativbefürworter widerlegt: Und - tatsächlich - eigentlich wären diese Argumente durchaus interessantere Beiträge zur Debatte um 1:12 und die Umverteilung. Aber wer liest schon die Handelszeitung? (Dieser Artikel findet sich nicht online).

...und nicht uninteressant in ihrer Sichtweise der Kampagne

So als unkommentiertes online-Häppchen zu den oben erwähnten Artikeln der Handelszeitung findet sich auf der Site noch ein kleiner Beitrag dank oder mit SR Thomas Minder, dem Vater der 'Abzockerinitiative', unter dem Titel: "Thomas Minder zu 1:12: Brilliantes Marketing: Der voraussichtlich knappe Ausgang der Abstimmung über die Initative der Juso macht dem Vater der Abzocker-Initiative Sorgen: Bei knappem Ausgang werde die Linke noch jahrelang mit dem Thema nerven."

Bin ich jetzt glücklich, weil die "Handelszeitung" zumindest genervt scheint über das 'brilliante Marketing' , oder unglücklich, weil sie eine Diskussion des Wohlergehens aller EinwohnerInnen des Landes nervt? Auf jeden Fall bin ich erschreckt über den ignoranten Umgang mit dem politischen Gegner.

...Bundesrat als Leerstelle?

Natürlich tritt da und dort auch BR Schneider Ammann auf - das Nein des Bundesrates vertretend.  Soweit so recht. Auch das ist Medienthema.

Überraschend ist dennoch der weitgehend unkritische Umgang mit der bundesrätlichen Informationspraxis (insbesondere jener von BR Schneider Ammann) in der Presse.  Dieser hatte in der bundesrätlichen Medienkonferenz zur 1:12-Initiative teils wortwörtlich das Argumentarium der 1:12-GegnerInnen aufgenommen und wiedergegeben (Bsp. gar die Begrifflichkeit  "Staatsdiktat"). Dies könnte eigentlich ein kleines Skandälchen sein. Umso mehr, da die bundesrätliche Informationspraxis leider darauf verzichtet den StimmbürgerInnen eine "rationale" Sichtweise zu den Folgen eines JA oder eines NEIN zur Abstimmungsvorlage zu präsentieren.

Wäre es nicht eigentlich Aufgabe des Bundesrates die Auswirkungen einer Annahme/Ablehnung einer Initiative nicht in dunklen Mutmassungen (vgl. Bundesbüchli) sondern in einer vorsichtigen und zurückhaltenden Art aufzuzeigen.

Wahrscheinlich werden nationale Abstimmungen trotz deutlichen Umbrüchen der Medienlandschaft und traditioneller Informationskanäle (noch) massgeblich über klassische Verbreitungsmedien geführt. Dennoch:  Erfrischend ist der Blick auf die Online-Medien, wo die Argumenation direkter, unvermittelter und unterhaltsamer abläuft:

(Hier zunächst ein Beispiel, wo die Argumentation ein Sprüngli nimmt.

Zu erinnern ist dabei daran, dass das 1:12 Argumentarium gerade Lindt&Sprüngli als Beispiel anführt, was die Lohnumverteilung praktisch heissen könnte: Wenn der Manager nur 12x den Monatslohn des tiefsten Lohnes verdiente, würde die restliche Summe  - laut dem Argumenatrium - für alle Mitarbeiter 440 SFr pro Monat mehr bedeuten. Herr Matter sieht es anders.)

und vor allem dieses wunderschöne Video - von der JUSO eingestellt:

Für mich bleibt aber die Frage: Wie kämen wir zu einer "vernünftigeren" Debatte, was das "Erfolgsmodell Schweiz" ausmacht?

 

 

Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten